Montag, 7. November 2016

TAG 1 FÜR PLAN B

GESCHOCKT? WAR ICH SCHON. ZORNIG? WAR ICH SCHON. TRAURIG? WAR ICH SCHON. VERZWEIFELT? - JA, BIN ICH NOCH MANCHMAL. ICH HABE EIN GEBROCHENES BEIN, GEHE AUF KRÜCKEN, HAB TOLLE MENSCHEN UM MICH UND ICH HABE VOR ALLEM EINEN PLAN: HEUTE IST TAG 1 FÜR PLAN B.

Schien- und Wadenbeinbruch links. Wie schon einmal, nur drei Finger breit weiter unten. Es war ein top Trainingstag am Freitag. Ich habe mich fit und frisch gefühlt nach ein paar Tagen Pause vom Schnee. Gut drauf im Slalom. Einfädler, passiert immer wieder.  Die Skikante hat sich tief ins Plastik geschnitten – und dann plötzlich blockiert! Es hat mir das Bein aus- und den Knochen im Schuh abgedreht - echt hässlich. Höllische Schmerzen. Schlimmer als damals. Oder habe ich nur vergessen, wie weh das getan hat?

Das Schmerzmittel des Notarztes hat sofort gewirkt.

Und wie! Naja: Ich hatte den Heli-Flug zwar nicht gebucht und war trotzdem froh, mit meinem Schmerzmittelschwips an Bord zu sein.

Inzwischen habe ich die Operation gut hinter mich gebracht, die zweite heftige Nacht mit dem vielen Metall im Bein. Ich freue mich drauf, bald die ersten Schritte den Gang in der Privatklinik entlang zu humpeln. Ach, ja: Haarewaschen steht auch noch auf meinem Tagesplan. Man wird bescheiden, im kessen Spitalsnachthemd...

Wenn alle Ampeln so auf grün stehen, das Facebook-Posting von meiner Wahl zur Sportlerin des Jahres das aktuellste ist und von einem Moment auf den anderen schaltet das Leben von Speed auf Stop – dann ist das schon eine harte Nummer. Für mich als Sportlerin. Mir ist schon bewusst: Es gibt viele andere, die würden ihre Challenge sofort gegen meine eintauschen. Hilft mir dieser Gedanke? Ja, irgendwie schon: Ein gebrochener Haxen, eine versäumte Saison, das ist für mich als Skifahrerin bitter – wenn man sich vorstellt, wie einen das Leben sonst noch prüfen kann, ist ein gebrochener Haxen kein großer Beinbruch. Sonst fehlt mir ja nichts. Im Gegenteil: Ich habe alles, zum Beispiel sehr viele liebe, unterstützende Menschen um mich…

Frust braucht Platz. Ich habe nach 48 Stunden die allermeisten dazu passenden Gefühlslagen mehrmals durch. Ab und zu poppt in mir die Warum-Frage auf, doch darauf gibt es im Moment (noch) keine Antwort. Die Übung für den Moment ist, die Situation so anzunehmen, wie sie ist – Verletztenstatus, wie das so schön heißt. Kein Begriff, den man als Rennläuferin lieben kann.

Heute ist Tag 1 für Plan B. Und Plan B ist: ab jetzt gilt jeder Tag nicht dem perfekten Schwung – sondern dem optimalen Genesungsprozess. Knochen brechen, Knochen wachsen zusammen. Und ich werde alles tun, um meinen Körper bei der Heilung so gut wie möglich zu unterstützen.

Skifahren ist da nur der allerletzte Schritt auf einem längeren Weg. Den werde ich beschreiten – jetzt mal erfolgt der Doppelstockeinsatz halt mit Krücken. Und für alle, die sich die Frage stellen: Ja, ich mache weiter! Klar mache ich weiter! Heute ist Tag 1 für Plan B.

Tja, Ihr Lieben, soweit von mir. Ist saublöd gelaufen. Wird wieder! Tausend Dank an alle, die sich so rührend um mich kümmern, die mitfühlen und mir Mut zusprechen. Er kommt bei mir an! Halt euch auf dem Laufenden - tippen geht ja, da brauche ich nicht mal Krücken dafür. Und Mädls im ÖSV-Team:  Gebt´s ordentlich Gas in diesem Winter. Ich schau euch zu, halte euch die Daumen.

 

Auf bald, Eure Eva-Maria

Montag, 24. Oktober 2016

ES IST WIE ES IST

SO GESEHEN IST SÖLDEN – ZUR ERINNERUNG: ICH BIN IM ROTEN TRIKOT DER RTL-WELTCUPSIEGERIN MIT MEHR ALS 5 SEKUNDEN RÜCKSTAND 26. GEWORDEN – EIN SPANNENDER EINSTIEG. WIE GEHT MAN BITTE MIT SO EINEM ERGEBNIS UM?

Puh. Im ersten Moment habe ich mich gefragt, warum Zielräume im Skisport nicht, wie Fußballstadien, überdachte Gänge haben, durch die man leise davonschleichen könnte. Bringt natürlich nichts, sich zu verstecken. Abhaken? Tun als wäre nichts passiert? Bringt auch nichts und wäre schade: Gerade solche Rennen lösen oft eine steile Lernkurve aus. Drama oder gar Panik schieben, wegen des Zeitrückstandes? Macht ihn auch nicht mehr kleiner und nichts besser: Hadern kostet immer Energie. Um das abzukürzen: Wenn etwas so daneben geht wie dieses Rennen, geht es mir nicht anders als jedem von euch, wenn irgendetwas schiefläuft: Der Blick aufs Ergebnis ist ein kurzer Schmerz, die Enttäuschung herb – irgendwann geht sie auch wieder vorbei. Vorausgesetzt man versucht nicht krampfhaft, sie zu verdrängen und sie sich nicht anmerken zu lassen. Es ist, was es ist.

 

Klingt vielleicht jetzt strange: Aber irgendjemand muss auch 26. werden! Diesmal war ich es. Wenn ich am Podium stehe oder gewinne, belegen andere die Plätze hinter mir. So ist das Spiel. Und klar würde man am liebsten immer ganz oben stehen. Nur wer kriegt das wirklich hin? Eben. Was Niederlage oder Scheitern ist und was in Wahrheit ein Fortschritt, ist immer eine Frage, durch welches Brillenglas man schaut. Ich durfte seinerzeit weder in Schladming bei der Heim-WM, noch bei den Olympischen Spielen in Sotchi starten: Die Nicht-Nominierung für Olympia hat mir aber zu jenem Perspektivenwechsel verholfen, der meine Karriere spät, aber rechtzeitig in Schwung gebracht hat. Für diese nicht erklärbaren Phänomene gibt es im Sport genügend Beispiele. Vermeintliche Niederlagen sind oft nur der Reifeprozess für spätere Siege. Dieser Gedanke hat mir auch nach Sölden geholfen...

 

Grundsätzlich, dabei bleibe ich, ist jedes Rennen eine Chance für mich, mich glücklich zu machen. Nicht immer kann dafür der grüne Einser auf der Videowall aufleuchten. In manchen Rennen ist alles leicht und spielerisch, in machen nicht. Es ist was es ist. UND: Es ist, was du am Ende für dich selbst draus machst

– unabhängig vom Ergebnis.

 

Mit dieser Einstellung fahre ich erstmals in meinem Leben zur Galanacht des Sports. Weil ich – gemeinsam mit vier anderen großartigen Sportlerinnen – in der Kategorie Sportlerin des Jahres nominiert bin, was für sich schon eine tolle Wertschätzung für meine sportliche Leistung ist. Es ist eine Wahl (der Sportjournalisten), kein Rennen, bei dem man selbst etwas in der Hand hätte. Aber das Prinzip bleibt dasselbe: Eine von uns Mädls wird den begehrtesten Sportaward Österreichs für 2016 gewinnen – alle anderen gewinnen diese Trophäe gleichzeitig nicht. Trotzdem: Sportlerin des Jahres, so sehe ich es, wird niemand nur für sich allein oder die eigene Spitzenleistung. Man steht immer stellvertretend auf der Bühne. Für alle Ermöglicher, Berater und Begleiter, die den Weg zum Erfolg mit einem gegangen sind und gehen. Für alle Kolleginnen im Sport, die denselben Traum wie man selbst leben und die einen dadurch erst zur Siegerin machen. Und dann stehen die Sieger der Sportlerwahl auch noch stellvertretend für alle auf der Bühne, die sich für unsere Begeisterung begeistern. Die Menschen in Österreich, die unserem Sport durch ihr Interesse erst öffentliche Bedeutung geben. Die uns über ihre Fernsehgeräte bis in ihre Wohnzimmer lassen oder sogar an die Orte unserer Wettkämpfe reisen, nur um unsere Begeisterung zu teilen. Ohne sie wäre im Sport alles nichts. Dank ihnen ist es das größte Geschenk, dass Menschen wie ich und andere ihren Traum leben und ihre große Leidenschaft zum Beruf machen können. Es ist, was es ist. Und was du draus machst.

 

Auf bald, Eure Eva-Maria

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